Derzeit sehe ich mich in vielen Gesprächen mit Bürgern mit verschiedenen Forderungen konfrontiert, die oft mit einer Absolutheit vorgetragen werden, die mich manchmal erschreckt. Die einen fordern ein Ende des Schuldenmachens – durchaus mit Recht. Andere fordern mehr soziale Gerechtigkeit und sie haben Recht. Wieder andere finden, die Kommunen müssten entlastet werden und auch diese Forderung ist berechtigt. Andere meinen, dass die Politik zu wenig für diejenigen tut, die mit ihrem Fleiß und ihrer Arbeit unseren Staat finanzieren – die Steuerzahler nämlich. Auch dieser Hinweis hat seine Berechtigung. Was ist also zu tun? Welche Forderung ist „wichtiger“? Welche Priorität sollte die Politik setzen?
Auch ich bin der Meinung, dass endlich Schluss sein muss mit der Schuldenorgie der öffentlichen Haushalte. Koalitionen jeglicher Couleur, Bürgermeister und Landräte – sie alle haben bis heute immer wieder versucht, ihre Wiederwahl durch teure Geschenke abzusichern, die dann die nachfolgende Generation bezahlen muss. Wer aber drastische Sparmaßnahmen fordert, der sollte wissen, dass diese von heute auf morgen nur durch massive soziale Kürzungen oder entsprechende Steuererhöhungen möglich wären. Wollen wir drastische soziale Kürzungen bei der Rente wie in Griechenland, um die Schulden zu reduzieren? Jedes Jahr wandern 80 Milliarden Euro aus dem Steuersäckel in die Rentenkasse. Ich habe für die Rentengarantie gestimmt und will nicht, dass die ältere Generation hier weiter belastet wird. Höhere Steuern, die am Ende nicht nur die „Reichen“ im Lande treffen würden, gefährden die Binnenkonjunktur und sind zudem ungerecht. Schon heute haben wir eine hohe Belastung bei der Lohn- und Einkommenssteuer. Wir müssen Ausgaben reduzieren und die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen – aber bitte mit Augenmaß.
Andere beklagen eine zunehmende soziale Ungerechtigkeit und fordern einen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme (übrigens ist die Zahl der Hartz IV-Empfänger so niedrig wie noch nie und wir haben die geringste Arbeitslosigkeit seit über 20 Jahren). Der Hartz IV-Regelsatz erlaube kein menschenwürdiges Dasein und müsste auf 500 Euro erhöht werden, der Steueranteil im Renten- und im Gesundheitssystem dringend erweitert werden, so die Forderungen. Dass auch diese Leistungen durch die Bürgerinnen und Bürger, die Steuern zahlen, erbracht werden müssen, kümmert da wenig. Noch immer geben wir fast die Hälfte des Bundeshaushalts für Soziales aus.
Wieder andere wollen, dass die christlich-liberale Koalition ihr Wahlversprechen einlöst und vor allem die unteren und die mittleren Einkommen weiter entlastet. Klar ist, dass jede Steuersenkung und auch die Abschaffung des Solidaritätszuschlags oder die Beseitigung der so genannten kalten Progression die Einnahmen des Staates reduziert. So bleibt weniger Geld, um das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zu erreichen oder Infrastrukturmaßnahmen zu finanzieren.
Von den Kommunen, die finanziell mit dem Rücken an der Wand stehen, haben wir noch gar nicht gesprochen. Kanalsanierung, Kinderbetreuung, Straßenbau und Schule: immer neue Aufgaben für die Kommunen und immer weniger Geld – so liest sich das zumindest, wenn man Bürgermeistern und Landräten zuhört.
Was soll die christlich-liberale Koalition in Berlin nun tun, wenn man mit diesen vier sich eigentlich widersprechenden Forderungen konfrontiert wird, die alle für sich genommen durchaus ihre Berechtigung haben?
Ich persönlich finde den Weg, den die CDU angesichts dieser Herausforderungen geht, richtig. Wir nehmen alle vier wichtige Ziele in den Blick: Wir reduzieren die Neuverschuldung und haben die Schuldenbremse im Grundgesetz verankert. Fast 80 Milliarden betrug auf dem Höhepunkt der Krise die Neuverschuldung des Bundes. Ich erlebe selbst die harten Verhandlungen mit den Haushaltspolitikern in allen Bereichen. Sollten die prognostizierten Eckdaten für 2012 Wirklichkeit werden, dann werden wir trotz Staatsschuldenkrise in Europa und ESM, trotz Bankenrettungsfonds und aller anderen Maßnahmen am Ende deutlich weniger als 20 Milliarden neue Schulden machen. Keine Frage, das ist immer noch zu viel. Wir hätten allerdings bereits einen ausgeglichenen Bundeshaushalt, wenn wir auf die Erhöhungen der Regelsätze bei Hartz IV, auf das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien, auf das Ausbauprogramm für Kinderbetreuung, auf zusätzlichen Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen und auf die Entlastung der Kommunen verzichtet hätten. Davon wird noch zu reden sein. Fakt ist: Durch die Sparprogramme kommen wir jedes Jahr einem ausgeglichenen Haushalt näher – und dieses große Ziel ist bereits 2014 erreichbar. Damit schaffen wir auch die besten Voraussetzungen für die Stabilität unserer Währung und wir machen Schluss mit dem Leben auf Kosten der kommenden Generationen. Diese beiden Ziele sind mir besonders wichtig.
Doch wir sorgen auch dafür, dass es gerecht zu geht in unserem Land. Darum haben wir den Hartz IV-Regelsatz angepasst. Künftig entscheidet der wirkliche Bedarf und es gibt keine willkürliche Festsetzung durch die Politik. Außerdem haben wir mit dem Bildungs- und Teilhabepaket gerade Kindern und Jugendlichen eine Chance auf Teilhabe in unserer Gesellschaft eröffnet. Wir haben die Kosten im Gesundheitssystem reduziert und die Renten können aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage trotz des demografischen Faktors und dank der Rente mit 67 – wenn auch in bescheidenem Umfang – wieder steigen.
In der Tat müssen alle diese sozialpolitischen Leistungen von den 41 Millionen Bürgerinnen und Bürgern erarbeitet werden, die in Lohn und Brot stehen – übrigens so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Auch das ist ein Rekord, auf den die christlich-liberale Koalition stolz ist. Ich bleibe dabei, dass diejenigen, die jeden Morgen aufstehen, zur Arbeit gehen und Steuern zahlen, einen Anspruch darauf haben, dass man ihre Belastungen in Grenzen hält. Dies gilt für alle Einkommensgruppen gleichermaßen. Der preußische König Friedrich der Große hat einen bis heute uneingeschränkt gültigen Satz formuliert: “Eine Regierung muss sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt. Es ist gerecht, dass jeder einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen. Aber es ist nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommens mit dem Staate teilen muss.” Darum ist es richtig, dass wir 2013 auch die unteren und mittleren Einkommen um 6 Milliarden Euro entlasten wollen und vor allem die kalte Progression, die faktisch eine Steuererhöhung durch die Hintertür ist, abmildern wollen.
Aber was ist mit den Kommunen? Bereits im kommenden Jahr wird laut den Daten des Statistischen Bundesamtes das Defizit der Kommunen beseitigt sein. Im Gegensatz zu Bund und Land verfügen die Kommunen damit bundesweit über einen Haushaltsüberschuss. Darüber hinaus hat der Bund mit dem Bildungspaket die volle Kostenerstattung für die Kommunen übernommen. Nicht verausgabte Mittel verbleiben sogar bei den Kommunen. Zusätzlich erhalten die Kommunen 400 Millionen Euro für die Schulsozialarbeit und 770 Millionen Euro für die laufenden Kosten bei der Kinderbetreuung. Die größte Entlastung erfolgt in Höhe von 14 Milliarden Euro bei der Übernahme der Kosten für die Grundsicherung im Alter. Diese Kosten hatte damals Rot-Grün den Kommunen aufs Auge gedrückt. Nun macht die christlich-liberale Regierung diese kommunalfeindliche Entscheidung rückgängig. Wir machen also ernst mit der Entlastung der Kommunen.
Diejenigen, die jeweils sagen „Mir reicht das nicht“ müssen sich die Frage gefallen lassen, wen von den genannten gesellschaftlichen Gruppen sie außen vor lassen wollen oder wie sie andere Prioritäten begründen. Ich bin auch deswegen Christdemokrat, weil ich persönlich diesen, wenngleich nicht so spektakulären, aber doch integrierenden Politikstil, für richtig erachte. Diesen „dritten Weg“ in der Politik, den die Union mit der sozialen Marktwirtschaft als Alternative zu Sozialismus und einem lupenreinen Kapitalismus begründet hat, gehe ich aus Überzeugung. Mir fällt daher immer ein Zitat von Papst Benedikt XVI. ein, der uns daran erinnert: „Wo der persönliche Egoismus oder die Interessen von Gruppen sich über das Gemeinwohl hinwegsetzen, wenn jeder nur an seine eigenen Interessen denkt, kann die Welt nur zugrunde gehen“.
Ich finde es daher richtig, dass wir versuchen, sowohl die Neuverschuldung zu reduzieren, als auch die Bürgerinnen und Bürger zu entlasten und für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Darüber hinaus müssen die Kommunen handlungsfähig bleiben. All diese Ziele sind berechtigt und darum muss man sie angehen. Aber gemeinsam und nicht gegeneinander. Ich glaube, dass wir das gemeinsam schaffen – aber nicht, in dem wir uns ständig schlecht reden, so wie das vor allem die SPD tut, sondern indem wir kreativ sind, Probleme lösen und anpacken. Unser Land und seine Menschen können es schaffen.